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Dazugehörige Karten sind im Kartenraum erhältlich.

Reisebericht.

Auf dem Weg nach Diss n'Ehlaend
Die Schlucht
Das Labyrinth
Der Tempel der Winde
Die Stadt des kleinen Volkes
Das Tagebuch
Der Tag der Entscheidung

Besuch in der Zwergenstadt

Aus den östlichen Bereichen des Landes Choar
Uns zugetragen von Ranis Merkuret

Geschehen am 20 Tag im Maeyi, im Jahre 289 des strahlenden Sterns,

Auf dem Weg nach Diss n'Ehlaend

Wir waren auf dem Weg nach Diss n'Ehlaend und machten Rast in einer Taverne in einem kleinen Dorf. Es war ein fürchterliches Wetter den ganzen Tag lang. Der Regen war so stark, daß man die Hand vor den Augen kaum sehen konnte. Und als es dunkel wurde waren wir froh, den durchweichten Schlamm der Straße verlassen und uns in der schmuddeligen Taverne ausruhen zu können. Leider wurde unsere Freude durch den Wirt gleich wieder etwas getrübt. Er bestand darauf, daß wir durch den Stall in die Taverne gehen, nachdem wir uns dort abgetrocknet und vom Schlamm gereinigt hatten. Hätte uns wenigstens ein paar Decken hinlegen können, dieser Orkensohn. So mussten wir uns mit den Pferdedecken begnügen, die wir dort fanden.

Nur Phiffi, der etwas später eintraf, durfte direkt in die Taverne gehen. Nicht etwa, weil er sauber gewesen wäre, nein! Die Dienstmagd musste einen ganzen Eimer vom Boden unter seinem Stuhl aufwischen, nachdem er sich gesetzt hatte. Der Grund lag vielmehr in seinen Größe von Zweimeterdreißig. Er ist immerhin ein Triese! Irgendwie hatte der Wirt nicht den Schneid, ihn genauso anzublaffen, wie er es mit uns getan hatte. Ich sag ja, wir Halblinge werden überall verkannt.

Na Ja, zumindest war es warm und es gab gutes Essen. Leider hatte die Bohnensuppe in der Nacht noch unangenehme Nebenwirkungen, die um so folgenschwerer waren, da wir alle zusammen einen gemeinsamen Schlafraum hatten, - und mit uns war der Triese!

Am nächsten Morgen war der Regen vorbei. Die Sonne schien schon am Morgen heftig und wärmte die Luft in unserer Hütte zu wohligen Temperaturen und verstärkte den Duft noch weiter.

Na ja, durch das anständige Frühstück wurden wir teilweise entschädigt. Der Duft der Nacht entschwand aus unseren Nasen und machte dem Geruch von gebratenem Speck und frischem Brot Platz. Nach dem dritten Frühstücksgang, kurz bevor ich wirklich satt war, galoppierte ein Kutschengespann durch den tiefen Schlamm der Dorfstraße und hielt direkt vor der Taverne. Nur wenige Augenblicke später stürmte ein Mann herein. Merkwürdigerweise wurde auch der nicht vom Wirt wieder herausgeschickt, obwohl er mindestens so dreckig war wie wir gestern. Und er war verletzt und blutete aus einer Wunde am Bein. Als erstes humpelte er zum Tresen und bestellte sich einen Branntwein, und dann noch drei hinterher. Erst danach erzählte er, was geschehen war.

Er war der Kutscher der Postkutsche, und die war überfallen worden!

Sofort umringten ihn die anderen Gäste der Taverne.

Am Abend zuvor war die Kutsche auf ihrem Weg plötzlich gestoppt worden. Ein Baumstamm lag quer über die Straße und versperrte die Weiterfahrt. Nachdem er die Pferde angehalten hatte, traten kleine, durch Umhänge verhüllte Gestalten aus den Büschen. Was danach geschah, konnte er nicht sagen. Er wachte am nächsten Morgen wieder auf, mit dem Gesicht im Schlamm und einem kleinen Pfeil im Bein. Seine drei Begleiter waren tot. Sie lagen erschlagen und erstochen im Dreck. Die Kutsche stand noch auf dem Weg. Eines der beiden Kutschpferde war verschwunden, das andere war noch da. Ohne die Umgebung weiter abzusuchen flüchtete der Kutscher mit dem verbliebenen Pferd und der Kutsche in dieses Dorf.

Während der Kutscher erzählte, drängte sich ein kleine Mann durch die Zuhörer.

"Wo ist die Ladung?" fragte er aufgebracht.

Aber die gesamte Ladung war leider verlorengegangen. Es stellte sich heraus, daß die Kiste eines Magiers darunter war, und genau diese war verschwunden. Der kleine Mann fuhr dem Kutscher an den Kragen und verfluchte ihn, bis ein paar Leute ihn von dem Verletzen wegzerrten. Es war der Fuhrmann und verantwortlich für die Fracht. Die Kiste des Magiers war anscheinend sehr kostbar, und der Fuhrmann erging sich schon in allerlei Vorstellungen, was denn der Magier mit ihm anstellen würden, wenn er von dem Verlust der Kiste erfuhr. Der Tod seiner drei Mitarbeiter schien ihn nicht sonderlich zu berühren.

Während dieses ganzen Durcheinanders schob sich von hinten ein gut gekleideter, scheinbar vornehmer Mann durch die Menge. Er machte eine gebildeten und selbstsicheren Eindruck.

Bei dem Kutscher angekommen, bat er ihn, ihm doch mal den kleinen Pfeil zu zeigen, von dem er gesprochen hatte. Tatsächlich hatte der Mann den Pfeil mitgenommen und zeigte ihn hoch. Die Gesichtsfarbe des vornehmen Mannes änderte sich schlagartig und wechselte zuerst in ein aschfahles Grau und dann in ein leuchtendes Rot. Nur ein Wort entkam noch seiner Kehle:

"Drow!"

Danach wandte er sich panikartig um rief seine Leute zum Aufbruch. Er schien eigentlich in die Richtung reisen zu wollen, in der der Überfall stattgefunden hatte, aber er änderte seine Pläne spontan. Nur wenige Minuten später hatte er mit seinen Leuten den Wagen beladen und fluchtartig das Dorf verlassen.

Die anderen Umherstehenden konnten mit dem Begriff nichts anfangen und sich die heftige Reaktion des Fremden nicht erklären. Zwar gab es nicht oft solche Überfälle, aber es kam doch schon mal vor, daß jemand ausgeraubt wurde. Und ein Reisender und Kaufmann, für den ihn die Leute hielten, war sich dieser Gefahr stets bewußt.

Na ja, sie kannten halt keine Drow!

Dunkelelfen! Hier an der Oberfläche? Ich und meine Gefährten überlegten, ob das wahrscheinlich war, oder ob nur jemand die Waffe eines Dunkelelfen benutzt hatte. Diese teuflischen Wesen aus den Tiefen der Erde benutzen gern kleine Armbrüste, mit denen sie vergiftete Pfeile verschießen, die ihr Opfer innerhalb von Sekunden bewußtlos werden läßt.

Einen zusätzlichen Anreiz, der Sache auf den Grund zu gehen, gab uns dann der Fuhrmann. Er erkannte in uns mutige Abenteurer und bot uns eine Belohnung an, falls wir ihm die Kiste des Magiers zurückbringen würden.

Wir rückten also aus und fanden prompt den Platz des Überfalls. Die Straße ging weiter nach Norden und traf irgendwann auf die Küste. Dort lag auch die Stadt Diss n'Ehlaend. Im Westen erstreckte sich eine weite Graslandschaft, die durch zum Teil recht beachtliche Wälder unterbrochen wurde. Im Osten waren die Gipfel des Drachenhorns zu sehen. Dieses Bergmassiv zog sich weit nach Osten in wildes Land und war noch nie erforscht worden. Einigen Gerüchten nach sollte ein altes Zwergenvolk in den Höhlen unter dem Berg leben. Das trug sicherlich dazu bei, daß bei unserem Zwerg Mirnos das Interesse an Nachforschungen geweckt wurde.

Denn nachdem ich die Spuren eingehend betrachtet und gedeutet hatte, folgten wir ihnen in Richtung der Berge. Am späten Nachmittag erreichten wir einen kleinen Fluß, der sich durch die Graslandschaft schnitt. Das Flußbett lag gut zwei Meter tief und war von zum Teil dichten Büschen gesäumt. Von den vier Metern, die das Bett breit war, nahm das Wasser nur gut zwei Meter ein und war gut zwanzig Zentimeter tief. Die Spuren führten mich bis zum Wasser, dann verschwanden sie. Die Räuber waren nicht an der anderen Seite wieder herausgestiegen. Auch im weiteren Umkreis ließen sich ihre Spuren nicht wiederfinden. Also waren sie im Wasser weitergegangen. Nur in welche Richtung?

Nach kurzer Beratung gingen wir dem Fluß entgegen in Richtung der Berge, aus denen er wahrscheinlich hervorquoll. Nach einer weiteren Stunde entdeckte ich durch meinen geschärften Wahrnehmungssinn eine Stelle im Gebüsch, an der Zweige gebrochen waren. Dort fanden wir die Leiche eines Tiefengnoms. Diese Wesen leben tief in der Erde und manchmal in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Dunkelelfen. Daher war es durchaus denkbar, das ein Gnom die Drowwaffe gefunden hatten. Unsere Erleichterung hielt allerdings nicht lange an, nachdem wir den Toten untersucht (und geplündert) hatten. Er hatte eine schlimme Wunde am Bein, die aber schon fast einen Tag alt zu sein schien. Auch war diese Wunde nicht tödlich. Dafür war sein Hals mit einem sauberen Schnitt aufgeschlitzt. Die Wunde am Bein war mit einem normalen Schwert geschlagen, die am Hals aber mit einer rasiermesserscharfen Klinge, - der Waffe eines Drow. Wir vermuteten, daß der Gnom beim Überfall verletzt worden war und nun auf dem Rückweg zu einer Belastung für die Gruppe wurde. Es lag in der Art der Drow, solche Belastungen auf diese Weise zu beseitigen.

Etwa zwei Stunden vor dem Erreichen der Berge begann es zu dämmern. Wir schlugen oben am Ufer ein Lager auf und machten, solange es noch hell war, ein kleines Lagerfeuer. Als es später Dunkel wurde, war nur noch etwas Glut vorhanden, an der wir uns wärmen konnten.

Kurz nach Mitternacht, ich hielt gerade Wache, wurden wir überfallen. Die helle Scheibe des Mondes verfinsterte sich plötzlich, wie von einem Schwarm Vögel verdeckt. Die fliegenden Ungeheuer kamen langsam tiefer, und da ich sie durch meine hervorragende Aufmerksamkeit rechtzeitig wahrgenommen hatte konnte ich die Gefährten rechtzeitig warnen. Dennoch wurden wir von der Art des Angriffs überrascht.

Riesige Fledermäuse, so groß wie Falken, stießen zu Hunderten auf uns herab. Wir wehrten uns heftig, und ich habe mindestens hundert von ihnen aufgespießt, aber sie waren überall zugleich. Schließlich hatte ich den rettenden Einfall. Ich rief Griek zu, er solle das Feuer wieder anfachen. Also sammelte er trockene Äste unter den Büschen, unter denen er sich versteckt hatte und warf sie auf die Glut. Es dauerte nicht lange, und das Feuer begann wieder zu lodern. Ich hätte sicher noch hundert dieser Biester erlegt, aber von den immer größer werdenden Feuer zogen sie sich weit zurück. Vielleicht hätte ich weiter vom Feuer entfernt noch einige zum Angriff auf mich bewegen können, aber meine Gefährten waren verletzt, und so ging ich zum Feuer um nach ihren Wunden zu sehen.

Einige hatte es böse erwischt, aber dank meiner ausgeprägten Heilkenntnis und Grieks Magie konnten wir die Verletzungen zum größten Teil wieder auskurieren.

Trotz der Gefahr durch die Gnome und vielleicht auch Drow ließen wir das Feuer mit kleiner Flamme brennen. Auf meinen Rat hin wurde aber noch reichlich trockenes Holz gesucht und neben das Feuer gelegt, falls die fliegenden Monster doch wiederkommen sollten. Taten sie aber nicht. Den Rest der Nacht konnten wir ungestört ruhen.

Die Schlucht
Geschehen am 21 Tag im Maeyi im Jahre 289 des strahlenden Sterns.

Am nächsten Morgen folgten wir, nach einem ausgiebigen Frühstück, weiter dem Bach in Richtung der Berge. Er traf irgendwann auf eine Felswand, die wohl tausend Meter hoch steil vor uns aufragte. Durch ein kleines Loch im Felsen, das knapp zwei Meter hoch und nur einen Meter breit war, quoll das Wasser aus dem Berg. Das Wasser störte uns ziemlich, als wir versuchten, gegen die Strömung tiefer in den Gang zu dringen. Ich selbst hatte keine großen Probleme damit, aber Mirnos, unser breite Zwerg, wirkte wie ein Pfropfen in dem schmalen Gang und wurde mehrmals durch das von ihm aufgestaute Wasser wieder aus dem Berg gespült.

Aber schließlich hatten auch meine Gefährten das Hindernis überwunden und nach nur fünf Metern öffnete sich der Gang. Wir befanden uns in einer Schlucht, die wohl seltsamste, die ich je gesehen hatte. Die Felswände ragten bis über tausend Meter steil in die Höhe. Die Schlucht selber war keine sechzig Meter breit, ihre Länge war nicht abzuschätzen. Die warme Luft war feucht und dichter Nebel behindert die Sicht. Viele, kleine Wasserfälle rieselten aus den Felswänden an der Südseite. Der Boden war naß und sumpfig, und aus vereinzelten heißen Quellen stieg dampfend warmes Wasser empor. Riesige Bäume, mit Stämmen bis fünf Meter Durchmesser, ragten wohl über hundert Meter in den Himmel. Sie waren mit Rankengewächsen und Flechten überzogen. Bis zu einer Höhe von fünfzig Metern waren kaum Äste vorhanden. Erst in den Baumkronen war der Bewuchs so dicht von Blättern und Flechten, daß man den Himmel kaum sehen konnte. Dank meiner Sternensicht konnte ich gut sehen, aber meine menschlichen Gefährten sahen kaum etwas, so daß sie sich entschlossen, Fackeln anzuzünden.

Der Boden war bedeckt mit kleinen Pflanzen, die fast aussahen wie Blumen. Sie waren bleich weiß und hatten keine Blätter, sondern weiche Rohre, die vom leichtesten Windhauch oder auch von der Strömung des flachen Wassers hin und her wehten wie tausende Finger. Ich schlug einige der Pflanzen mit dem Schwert ab und entdeckte im warmen Schlamm fast handflächengroße Käfer, die zwischen den dichten Halmen weghuschten.

Phiffi, der mit seinen großen Füßen kaum einem Fettnapf verfehlt, verursachte beim Gehen manchmal ein seltsames Geräusch, als sei er auf einen kleinen Ball getreten. Beim näheren Hinsehen fanden wir die geplatzten Überreste von fetten Kröten, die zusammen mit den Käfern den Boden zwischen den dichten Pflanzen bevölkerten.

Oben, in den hohen Ästen der riesigen Bäume entdeckten wir geflügelte Lebewesen, die zu hunderten wie Trauben in den Ästen der Bäume hingen.

Als wir weitergingen, sahen wir hier und da Überreste der riesigen Baumstämme am Boden liegen. Sie waren über und über mit Moosen bedeckt und behinderten die Sicht und den Weg nach vorn. Teilweise mussten wir über die Äste auf die Bäume, und dann auf der anderen Seite wieder herunter klettern. Das war ein recht schwieriges Unterfangen, denn durch die Moose war das Holz sehr glatt. Einige von uns sind dann auch prompt abgerutscht und in den Schlamm gefallen. Mitunter waren die Bäume aber auch hilfreich, denn es gab Stellen, an denen der Sumpf tief war und die Bäche kochend heißes Wasser führten. Diese Stellen konnten wir dann durch die Bäume überbrücken.

Nach einiger Zeit bemerkte ich, daß wir von irgendwelchen Wesen umringt wurden. Sie waren gut einen Meter groß und im Nebel nur schemenhaft zu erkennen. Irgendwie erweckten sie den Eindruck von großen Hühnern. Wir zogen die Waffen und versuchten, näher an eines dieser Wesen heranzukommen, doch die Biester waren sehr flink. Erst als ich meinen Bogen herausholte und mit einem meisterhaften Schuß auf eines dieser Wesen anlegte, hätten wir fast eins erwischt. Leider wich das Ziel in letzter Sekunde aus, und mein schöner Pfeil ging verloren. Liyannah hatte Glück mit ihrem Versuch und erwischte eins der Biester. Als wir bei der Beute ankamen, bot sich uns ein ekelhafter Anblick. Das Ding sah aus wie ein riesiger, nackter, gerupfter Vogel. Keine Federn schmückten das Tier, es hatte nur eine bleiche, straff gepannte Haut. Lange, dünne Beine mit spitzen Krallen und ein scharfer Schnabel rieten uns, diese Wesen mit Vorsicht zu genießen.

Meine Vorsicht war durchaus angebracht, wie sich später herausstellte. Einige Minuten später waren wir von einem Dutzend dieser Wesen umstellt. Aus dem Nebel heraus griffen sie plötzlich an. Im schnellen Lauf hackten sie nach uns und versuchten, uns Wunden zuzufügen, bevor sie genauso schnell wieder im Nebel verschwanden, wie sie gekommen waren. Erst als ich ein halbes Dutzend von ihnen zerlegt hatte, gaben sie ihre Attacken auf und zogen sich zurück. Allerdings blieben sie weiterhin in Sichtweite und begleiteten uns noch ein Stück.

Dann hörten wir plötzlich ein durchdringendes Winseln, das uns allen durch Mark und Bein fuhr. So ein unheiliges, klagenden Jammern hatten wir niemals zuvor gehört. Die uns verfolgenden Vögel blieben erst stocksteif stehen, um dann panikartig in alle Richtungen auseinander zu stoben. Es dauerte auch nicht lange, da sahen wir die Quelle dieser Geräusche:

Höllenhunde, so groß wie Ponies, jagten durch den Wald. Erst sahen wir nur die Schatten im Nebel, doch dann kamen sie näher. Sie hatten eine bleiche, dünn wirkende und durchscheinende Haut. Die Blutadern und das pulsierende Herz waren deutlich zu erkennen. Ihre Augen strahlten weiß, sie waren blind. Sie hatten große, spitze Ohren, die sie aufrichteten während sie dieses entsetzliche Winseln ausstießen. Sie orientierten sich wie die Fledermäuse durch Geräusche, wie sie nur die Ohren eines Halblings wahrnehmen können. Zwei lange, weiße Fangzähne stachen aus ihrem Maul. Einige Zeit begleiteten uns nun diese häßlichen Geschöpfe. Dann griffen sie uns an. Doch wir waren auf der Hut. Nachdem ich in einem heftigen Kampf einige von ihnen erledigt hatte zogen sie sich schließlich zurück und ließen uns in Ruhe.

Einige von uns hatten sich während des Kampfes auf einen der umgestürzten, riesigen Bäume verzogen, und landeten, beim Versuch, die moosbedeckten und glitschigen Äste wieder herunterzuklettern, im Morast.

Die häßlichen Hunde begleiteten uns weiter, hielten aber einen gebührenden Abstand zu mir. Mehrmals mussten wir durch tiefes Wasser waten, und einige Male sumpfige Stellen oder kochende Quellen umgehen. Ab und zu konnten wir einen der Baumstämme als Weg benutzen um diesen Hindernissen auszuweichen. Da es aber sehr dunkel war und der Boden fast überall unter einer dichten Nebeldecke verborgen lag, konnten wir die gefährlichen Stellen nicht immer erkennen und steckten deshalb mehrmals bis zur Hüfte im Sumpf. Zusätzlich stießen wir auf brodelnde Quellen, aus denen giftige Gase stiegen, die nach kurzen Einatmen betäubend wirkten. Da diese Gase wohl schwerer waren als Luft und somit dicht am Boden vorkamen, erwischte es mich als ersten, während unser Triese mit seinen guten zwei Metern nie in Gefahr geriet. Glücklicherweise ging ich nicht als letzter, denn in den dichten Bodennebel hätten meine Gefährten mich kaum wiederfinden können, nachdem ich umgefallen war. Meine gute Kleidung war nach diesem Unfall allerdings auch ruiniert.

Irgendwann fanden wir im Sumpf einen Gegenstand, mit denen wir hier nicht gerechnet hätten. Eine Schale, fast kopfgroß, die irgendwie aus einem Blütenkelch gefertigt zu sein schien. Das Material war dünn und sehr fest, fast wie getrocknetes, hartes Leder. Man hätte meinen können, sie sei natürlichen Ursprungs, doch die Unterseite war so präpariert, das die Schale eine etwa handflächengroße, ebene Standfläche hatte, damit sie nicht umkippt. Dazu fanden wir zierliches, hölzernes Besteck, etwa in der Art wie es Halblingkinder gern verwenden. Wer konnte hier in dieser ungastlichen Gegend solche hübschen Gegenstände verwenden? Die Tiefengnome hatten sicherlich keinen Sinn für so etwas. Als wir weitergingen, stießen wir auch noch auf weitere Gegenstände, die einfach nicht in diese Gegend gehörten. Sie erweckten den Eindruck, als hätte jemand sie hier willkürlich verteilt. Einige Gegenstände sammelten wir ein und nahmen sie mit uns. Etliche der Gegenstände hatten offensichtlich auch schon länger hier gelegen.

Schließlich, kurz bevor wir das Ende der Schlucht erreichen, stieg der Boden an und der Untergrund wurde fester. Der Nebel blieb hinter uns zurück und die Sonne fand wieder Stellen, an denen sie das dichte Blätterdach durchdringen konnte, denn hier wuchsen die riesigen Bäume nicht mehr, wenngleich die gewaltigen Äste noch weit herüber ragten. Nachdem wir den Sumpf gut fünfzig Schritt hinter uns gelassen hatten, standen wir am Ende der Schlucht vor einer Felswand. Dort fanden wir den Eingang zu einer Höhle. Anhand der Fußspuren konnte ich gleich erkennen, das unsere Diebe hier in den Berg verschwunden waren. Wir beschlossen, ihnen weiter zu folgen.

Nachdem ich aus meiner Ohnmacht wieder aufgewacht war, erklärten mir meine Gefährten, daß auch aus diesem Berg ein giftiges Gas floß, das wieder einmal mich als erstes erwischt hatte. Ich sage ja immer, die Welt ist ungerecht. Aber ich erholte mich rasch. Währenddessen erkundigte Liyannah den Eingang und entdeckte nach zwanzig Schritt eine Abzweigung, die kein Gas enthielt. Wir hielten also so lange die Luft an und überwanden auch diese Hindernis.

Das nun folgende Labyrinth läßt sich nur schlecht beschreiben, und meine Gefährten hätten sich sicherlich verirrt, wenn nicht Mirnos mit seiner Wärmesicht den Spuren hätte folgen können.

Das Labyrinth
Damit meine Gefährten in dem Labyrinth nicht völlig den Überblick verlieren, habe ich eine Karte gezeichnet.
Etwas hinter der Höhle stießen wir auf eine Abzweigung. Ich war sicher, dass der Weg nach unten durch den linken Gang führte, aber der war leider total verschüttet. Also versuchten wir den rechten Gang.
Es war wirklich ein unangenehmes Höhlensystem. Wasser tropfte von der Decke und aus den Wänden, und lief uns auf dem Boden entgegen. Stellenweise war es knietief. Es dauerte nicht lange, da hatte ich nasse Füße, und ich war drauf und dran, meine Stiefel auszuziehen und wie andere Halblinge barfuß zu laufen. Die spitzen Steine auf dem Boden hielten mich allerdings davon ab.
An der Decke und auf dem Boden waren Tropfsteine, die uns den Weg versperrten. Oft mussten wir um sie herumklettern. Manchmal war der Gang so schmal, dass unser dicker Zwerg kaum hindurch paßte. Da musste ich schon mal schieben. Der Boden bestand meist aus losem Geröll oder Sand.
Nach einiger Zeit gelangten wir an eine Abzweigung. Die linke führte uns weiter nach unten, aber nach einiger Zeit gelangten wir in eine Höhle mit einem kleinen See. Er war sehr tief, jedenfalls über 1,5 Meter. Also schickten wir Liyannah hinüber, um sich dahinter weiter umzusehen. Es dauerte eine Weile, da kam sie hinter uns wieder an. Der Gang führte im Kreis. Und ich dachte immer, unser Zwerg kennt sich in solchen Höhlen aus.
Na, wir jedenfalls wieder zurück und weitergesucht. Es dauerte nicht lange, da hörten wir vor uns Geräusche. Wir waren sofort still, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass unser Zwerg mit seinem Metallpanzer überhört worden war.
Wir versteckten uns vorsichtshalber in einem Seitengang, der aber so niedrig war, dass wir schließlich nicht weiter konnten. Also blieben wir stehen und verhielten uns ruhig. An uns vorbei zogen eine Handvoll Tiefengnome, und ein Dunkelelf! Was hatte der Drow hier oben zu suchen. Da wir nicht wußten, was da sonst noch alles an unangenehmen Zeitgenossen wartete, wollten wir uns weiter verbergen. Aber einer von denen muss wohl einen meiner Gefährten gesehen haben. Er zeigte in unseren Gang und rief etwas. Als Antwort bekam er einen Armbrustbolzen von Mirnos zwischen die Augen, - der Blödmann.
Naja, dann ging's heiß her. Griek zauberte ein Blendlicht, so dass die Angreifer nichts mehr sehen konnten. Zuerst haben wir die Gnome ganz schön vermöbelt, und die Übriggebliebenen liefen schon davon, aber dann hat dieser fiese Gnomenschamane einen Golem beschworen. Und der hatte es in sich. Leider kann ich mit meinen leichten Waffen nicht viel gegen solche ein Ungetüm aus Stein ausrichten, jedenfalls hätte es ganz schön lange gedauert. Also hat Mirnos mit seiner großen Axt ein paar Mal hingelangt und das Ding zu Kies verarbeitet. Aber er selber hat auch ganz schön was abbekommen. Ist halt ein bißchen langsam, unser Zwerg.
Dabei trafen wir jedenfalls auf einen anderen Zwerg. Er nannte sich Arkardo stammte aus den Höhlen tief unter uns und war mit einer Gruppe ausgeschickt worden, einen Ausgang zu suchen. Dabei waren sie von den Gnomen überfallen worden. Nur er war übriggeblieben und gefangengenommen worden.
Liyannah ist dem Schamanen noch hinterhergelaufen. Dann kamen aber weitere Stimmen aus dem Gang vor uns, und wir zogen uns zurück. Griek zauberte noch eine Illusion in den Gang. Das sah dann so aus, als ob an der Stelle der Gang eingebrochen wäre. Überall lagen dicke Felsbrocken bis hoch zur Decke. Die sahen so echt aus, dass ich extra noch mal hingegangen bin um dagegenzuklopfen. Aber war alles nur Luft. Sah echt gut aus. Manchmal kann der große Gnom doch was.
Leider brachte uns das nicht ganz viel an Zeit. Keine fünf Minuten später gab es einen furchtbaren Knall. Anscheinend wollten unsere Verfolger das Hindernis wegsprengen. Spätestens danach musste zumindest der Dunkelelf erkennen, was er vor sich hatte.
Unser Rückzug war dann ganz schön hektisch. Nur mit Mühe konnten wir die Bande auf Abstand halten. Anscheinend kannten sie sich hier aus.
Irgendwann war es uns genug, und ich wollte mich dem Gegner erneut stellen. Wir warteten an einer Gabelung in einem Seitengang. Dann merkte ich, dass sie von zwei Seiten auf uns zukamen, und meine Gefährten waren in Sorge, sie könnten uns in die Zange nehmen. Wir zogen uns als weiter zurück und warteten dort.
Die ersten Angreifer empfingen wir mit Bogen, Armbrust und magischem Feuer. Dabei stellte sich heraus, dass unser neuer Anhang, der Zwerg Arkardo, auch Magie konnte. Er knallte den Gnomen ein paar Feuerbälle auf die runzelige Haut. Dann hörten wir den Gnomenschamanen wieder irgendeine Gemeinheit aushecken. Er brabbelte was magisches, und kurze Zeit später trat aus der Wolke von Rauch und Staub eine Art Golem. Es war ein Erdelementar, wie Griek mir später sagte.
Er sah aus wie ein riesiger, breiter Gnom aus feuchter Erde oder aus Ton. Die Haut war grau und glänzte im Licht. Waffen hatte der nicht bei sich, aber der sah auch so schon bedrohlich aus.
Wir bedachten ihn gemeinsam mit Pfeilen, Bolzen und Feuerbällen. Leider beeindruckt ihn das nicht sonderlich. Die Pfeile verschwanden in dem dicken Leib bis zum Schaft. Er zog sie kommentarlos mit seinen klobigen Fingern wieder heraus, und die Wunde verschwand. Mirnos Armbrustbolzen schlug glatt durch die Schulter und kam hinten wieder heraus. Auch diese Wunde schloß sich wieder. Die Feuerbälle brannten auf der Brust des Kolosses, schienen ihn aber nicht zu stören. Nur die Haut wurde für kurze Zeit trocken und rissig. Es dauerte jedoch keine zehn Sekunden, da war sie wieder feucht und geschmeidig.
Also holte Mirnos die grobe Kelle raus und hackte dem Koloß ein Loch in den Bauch. Es gab einen riesigen Riß in dem Erdklumpen, aber auch der schloß sich wieder und war nach zehn Sekunden nicht mehr zu sehen. Glücklicherweise war das Ding sehr langsam und traf uns nicht. Aber wo es hinschlug, da flogen die Steine aus dem Felsen. Mirnos hatte dann die Idee, die Glieder dieses gemeinen Wesens abzuschlagen. Er landete einen mächtigen Schlag auf dem rechten Arm und schaffte es, ihn damit abzutrennen. Doch während es Liyannah gelang, den anderen Arm abzuschlagen, wuchs dem Ding der rechte Arm wieder nach.
"Schlag ihm den Kopf ab", rief Liyannah dem Zwerg dann zu. Der seinerseits schaute etwas irritiert auf die Amazone. Der Kopf saß schließlich einen halben Meter höher als er schlagen konnte. Da kam der kleine Kerl einfach nicht ran.
Also versuchte sie es selber, und während Mirnos einen Arm nach dem anderen abschlug, gelang es ihr tatsächlich. Der Kopf rollte etwas den Gang zurück. Aber auch das Ding wuchs dem magischen Wesen nach. Dennoch schien er davon etwas beeindruckt zu sein. Er wankte etwas zurück. Dabei trat er auf einen abgetrennten Arm. Dieser verband sich sofort wieder mit dem Wesen.
"Wir müssen seine abgetrennten Gliedmaßen von ihm fernhalten", schlug Liyannah vor und kickte einen Armstumpf hinter sich. Der landete in dem Gang hinter uns, in dem auf dem Boden Wasser floß. Es war deutlich zu sehen, dass der Erdklumpen sich in der Strömung auflöste.
Das rief ich sofort den anderen zu, und so stießen wir die abgetrennten Teile nach Möglichkeit ins Wasser. Der Erdelementar hatte mittlerweile schon deutlich an Masse verloren, und damit auch an Kraft. Es wurde für uns immer leichter, ihm Gliedmaßen abzuschlagen. Aber dann schien er zu begreifen, dass es mit ihm bergab ging. Er ging ein paar Schritte zurück und tat dann so, als wolle er etwas nach uns werden. Dabei hatte er gar nichts in den Händen. Ich erwartete schon einen Feuerball oder ähnliches, aber das Ding warf seine Finger nach uns. Sie lösten sich von seinen Händen flogen auf uns zu. Ich konnte zwar locker ausweichen, aber die anderen waren echt überrascht. Mirnos wurde auch prompt getroffen, aber seine Rüstung war stabiler als die Finger.
Dennoch schlug Liyannah einen Rückzug vor. Wir postierten uns in dem Gang hinter der Kreuzung, in dem das Wasser floß. Damit würden abgeschlagene Glieder gleich ins Wasser fallen. Griek und Mirnos gingen in den rechten Gang, wir anderen in den linken. Dann warteten wir auf das Ding. Es kam auch gleich nach und warf wieder Finger auf uns. Gleichzeitig zerhackten wir es von beiden Seiten. Das gefiel dem Monstrum offenbar nicht, denn es zog sich in den Gang zurück.
Dann erschienen die Tiefengnome. Sie kamen aus dem Gang, in dem Mirnos und Griek standen. Aber unser schlauer Magier hatte schon mit sowas gerechnet und einen Zauber vorbereitet. Er schuf eine magische Lichtwand in dem Gang. Geblendet durch das helle Licht schrien die Gnome vor Schmerz. Leider dauerte es nicht lange, da flogen die ersten Speere durch das Licht. Einer davon traf unseren Zwerg. Wenn es unseren Gnom erwischt hätte, wäre er glatt durchbohrt worden. Aber Mirnos Rüstung hielt das Schlimmste ab. Trotzdem bekam er einen heftigen "Seitenstich", als die Spitze den Panzer ein wenig durchdrang.
Das war für die beiden das Zeichen zum Aufbruch. Griek warf noch einen Feuerball durch die Lichtwand, dann rannte er zu uns. Mirnos folgte ihm. Leider auch der Erdkrümel. Dann warf er wieder Finger auf uns. Ich konnte natürlich ausweichen, und Liyannah versteckte sich hinter ihrem Schild, aber Griek erhielt einen Treffer an der Schulter. Leider hat er keine Rüstung an. So wurde er von dem Ding verletzt. Es war aber nur eine leichte Wunde, und so konnten wir die Flucht fortsetzen.
Wir kamen wieder an eine Kreuzung. Der Gang links stieg steil an, und es strömte Wasser daraus, in den Gang geradeaus. Den nahmen wir, weil wir nicht noch weiter nach oben wollten. Der Gang wurde aber immer niedriger und die anderen mussten gebückt gehen. Leider war das hier Wasser recht tief, und das mittlerweile angenehm warme Wasser in meinen Stiefeln wurde durch wieder kalt.
Schließlich wurde der Gang so niedrig, dass unser Zwerg kaum noch hindurch paßte. Ich wollte schon wieder schieben helfen, doch das hätte wegen seiner Rüstung so einen Krach gemacht, dass uns die Gegner sofort gehört hätten.
Also holte ich ein magisches Artefakt aus meinem Rucksack. Eine Flasche mit "Nichts". Also, keine leere Flasche, sondern eine Flasche mit dem Zauber "Nichts". Damit kann man sich verbergen und wird von anderen nicht mehr wahrgenommen. Ich wendete diesen Zauber an, und wir verschwanden für eine halbe Stunde aus den Augen der Gegner.
Nach der unfreiwilligen Pause fühlte ich mich gut erholt. Die Verfolger hatten uns nicht finden können. Leider hatten sie aber zwei Wachposten mitten auf der Kreuzung postiert. Da wir nicht weiter durch den Tunnel konnten, mussten wir uns mit den beiden Wachen beschäftigen. Und am besten so, dass es die anderen Gnome nicht hören würden. Griek hatte den genialen Einfall, eine der Wachen mit einem Schlafzauber zu belegen. Dem anderen Wachposten wollte Mirnos mit seiner Armbrust eins auf den Pelz brennen. Hat auch beides geklappt, aber leider schrie der von dem Armbrustbolzen getroffene wie am Spieß, - aber das war er genaugenommen ja auch.
Aus den Gängen vor uns und zu unserer linken hörten wir Geräusche, und so rannten wir den rechten Weg weiter nach oben.
Es war wieder furchtbar hektisch, und wir konnten den Abstand kaum verringern. Und an jeder Abzweigung mussten die anderen erst einmal diskutieren, welcher Gang nun der richtige sei. Also lief ich einfach vor und zeigte, wo es lang ging.
Ständig kam uns Wasser entgegen, und der Weg ging steil nach oben. Zwar wollten wir eigentlich nach unten, aber ich dachte, oben finden wir vielleicht eher einen Ausgang.
Schließlich gelangten wir an einen weiteren See. Liyannah ging wieder hindurch, und fand eine Abzweigung, die scheinbar nach draußen führte. Also folgten wir ihr. Ich konnte schwimmen, aber Mirnos musste durch das Wasser gehen. Er hielt so lange die Luft an, bis er am anderen Ende wieder herauskam. Leider endete der Gang nach draußen in der Schlucht, viele hundert Meter über den Baumriesen. Wir konnten an der gegenüberliegenden Wand mehrere Höhleneingänge erkennen, aber die waren über zweihundert Meter weit weg. Hier gab es kein Weiterkommen.
Also drehten wir um und beschlossen, unsere Verfolger am See zu stellen. Aber sie blieben an der anderen Seite des Ufers stehen und folgten uns nicht weiter. Vier Wachen und der Erdklumpen blieben zurück, der Rest verschwand. Ob sie hinter der Biegung auf uns warteten, konnten wir nicht sehen.
Darum gingen wir weiter und standen schließlich - vor einer Tür.
Zwar war sie verschlossen, aber mit dem passenden Werkzeug konnte ich das Schloß knacken.
Wir kamen in einen Flur, an dem drei Zimmer angrenzten. Nachdem wir die Tür wieder verschlossen und verriegelt hatten, untersuchten wir diese Räume.
Im ersten Raum fanden wir doch sage und schreibe eine richtige Bibliothek. Zwar waren die meisten Bücher dort in einer Sprache geschrieben, die niemand von uns lesen konnte, aber das hielt Griek nicht davon ab, weiter darin zu stöbern.
Im zweiten Raum fanden wir eine Waffenkammer. Diese Waffen waren absolut erstklassig. Wenn wir nicht schon so gute Waffen gehabt hätten, hätten wir uns hier komplett eindecken können. Nur ein paar gute Messer nahmen wir mit, und Arkardo noch ein kleines Schwert. Insgesamt müssen die Leute nicht sonderlich kräftig gewesen sein. Für Mirnos und auch für Liyannah waren die Waffen zu leicht.
Im dritten Raum fanden wir Vorräte, zumeist in flüssiger Form. Fässer und Flaschen in unterschiedlichster Größe und Form. Manche Flüssigkeiten rochen nicht und sahen aus wie Wasser, andere dufteten stark. Wein und noch stärkere Getränke gab es dort auch. Aber wir wollten uns nicht zu lange aufhalten, darum haben wir nichts probiert.
Wir verließen den Flur durch eine weitere Tür am anderen Ende. Danach ging eine Treppe steil nach oben. Es war echt mühsam, und die anderen keuchten schon vor Anstrengung, aber dann hatten wir es geschafft. Wir waren draußen.


Der Tempel der Winde

War ein toller Ausblick. Wir standen auf dem Berg, der sich hier oben als großes Plateau darstellte. Es war wohl über einen Kilometer breit und etliche lang. In der Mitte war es von der Schlucht zerrissen, durch die wir gewandert waren. Ich ging bis an den Rand und schaute hinunter. Weit unten konnte ich die riesigen Bäume erkennen, deren Wipfel aus dem Nebel ragten. Auf der anderen Seite der Schlucht konnte ich wieder diese vielen Höhlen sehen. Die Schlucht war hier gut zweihundert Meter breit und zog sich zu jeder Seite gut einen Kilometer. Weiter vorne lief sie dann zusammen.
Auf der anderen Seite der Schlucht lag eine Stadt, von hohen Mauern umgeben. Aber von hier aus konnte man keine Einwohner entdecken. Auch war kein Rauch oder sonstige Lebenszeichen zu erkennen.
Obwohl wir eigentlich etwas anderes tun wollten, beschlossen wir, diese Stadt aufzusuchen. Wir gingen also weiter auf das Ende der Schlucht zu, da sahen wir diesen Tempel. Er war nur einige hundert Meter von der Schlucht entfernt und sah noch gut erhalten aus. Also nahmen wir uns die Zeit, ihn zu untersuchen.
Es war ein rundes Gebäude mit einem Durchmesser von gut dreißig Metern. Ein Eingang lag zur Schlucht hin. Es gab keine Tür, sondern nur einen riesigen Durchgang, zwei Meter breit und zwei Meter hoch. Danach kamen wir in einen offenen Innenhof. In dessen Mitte stand ein weiteres Gebäude, ein kleiner Tempel mit einem Schrein. Staub und vertrocknete Gräser zeugten davon, dass dieses Gebäude schon seit längerem verlassen war. Ich entdeckte sogar das Skelett eines großen Vogels, der hier wohl schon seit Jahren lag.
Auch der kleine Tempel mit dem Schrein war durch ein Tor zu betreten. Bilder von Menschen und Ereignissen zierten die Wände, und Schriftzeichen, die keiner von uns lesen konnte. Der Fetzen eines Wandteppichs hing von der hinteren Wand, mit dem der Wind sein Spiel trieb. Der Rest davon lag auf dem Boden. War wohl des Spiels müde und irgendwann mürbe geworden.
Vor dem Schrein lag auf einem Podest ein großes Buch. Es war kunstvoll gearbeitet und mit Runen aus Blattgold verziert. Bestimmt ein Vermögen wert. Liyannah ging gleich wieder auf Abstand, als sie die Runen entdeckte. Sie hat nun mal Angst vor Magie.
Arkardo schlug es auf, aber wir entdeckten nur leere Seiten. Erst als wir die erste Seite aufschlugen, wurden Zeichen der fremden Schrift erkennbar. Als er dann die nächste Seite umblätterte, waren nur Striche und Punkte zu erkennen. Auf der nächsten ebenso.
Dann geschah etwas merkwürdiges. Er wollte gerade die nächste Seite umschlagen, da blätterte sich das Buch allein weiter. Dann die nächste Seite, und immer weiter so. Und als die Blätter sich immer schneller bewegten, konnten wir ein Bild erkennen. Es war, als Stände eine menschliche Gestalt auf der Mitte der Seite. Und diese Gestalt bewegte sich, während die Seiten sich immer schneller umblätterten. Es war, als käme die Gestalt auf uns zu. Man konnte erkennen, dass sie etwas in den Händen hielt. Als das Bild noch größer wurde, konnte ich eine Kiste erkennen. Der Mensch, so erschien es zumindest, war drahtig gebaut und in einen weiten Umhang gehüllt, dessen Kapuze seinen Kopf verhüllte und nur wenig von seinem Gesicht zeigte.
Der Mensch verneigte sich vor uns. Er stellte die Kiste vor sich auf den Boden und öffnete sie. Dann trat er einen Schritt zurück und deutete mit den nach oben offenen Händen darauf.
Ich konnte nichts in der Kiste erkennen, also beugte ich mich etwas weiter über das Buch. Auf einmal bewegte sich dort etwas. Ein kleiner, heller Wurm, wie eine Made, kroch über den Rand der Kiste. Ich wollte gerade zurückspringen, aber es war schon zu spät.
Wie ein Blitz schoß der kleine Wurm auf mich zu und traf mich im Gesicht. Bevor ich etwas machen konnte kroch das Wesen in meine Nasenöffnung und war verschwunden. Und Arkardo traf es ebenfalls.
Der Wurm brannte höllisch in meinem Gesicht. Ich schlug mit der Faust drauf, aber das tat dann noch mehr weh. Die verfluchte Made kroch dann, was fürchterlich Weh tat, an meinem Hals herunter in die Schulter. Dort blieb er dann, womit auch der Schmerz nachließ. Nur ein leichtes Brennen ließ mich noch fühlen, wo sich der Wurm befand.
Als es uns erwischte, ging Liyannah sofort in Deckung. Danach schaute sie mit erhobenem Schild und Schwert auf das Buch. Die Gestalt auf der Seite hatte die Kapuze zurückgeworfen und lachte scheinbar. Sie hatte das Gesicht eines Dunkelelfen!
Während der ganzen Zeit waren Mirnos und Griek draußen im Innenhof des Tempels. Der Gnom hatte sich durch die Wunde vom Finger des Erdelementars abscheinend vergiftet. Zuerst war es nur ein kleiner Kratzer gewesen, doch mittlerweile hatte sich die Wunde verschlimmert. Dabei war keine Entzündung entstanden, sondern etwas viel gemeineres. Das Fleisch rund um die Verletzung wurde schwarz und schien abzusterben. Dabei wurde die Wunde immer größer.
Griek wirkte einen Unempfindlichkeitszauber, und Mirnos brannte die Wunde aus. Das schien aber immer noch recht weh zu tun, nach unüblichen Verzerrungen im Gesicht des Gnoms zu urteilen.
Als ich nach draußen ging, regte sich plötzlich der Wurm in meiner Schulter. Er zog sich weiter ins Innere meines Körpers zurück, was wieder heftig weh tat. Dort blieb er dann wieder ruhig sitzen.

Wir beratschlagten eine ganze Weile, wie wir nun weiter vorgehen konnten, um diese Plage loszuwerden. Liyannah nahm ihren ganzen Mut zusammen und ging noch mal zu dem Buch. Sie öffnete es mit der Schwertspitze und blätterte dann ein paar Seiten weiter, um zu schauen, ob sie etwas Neues erkennen konnte. Wieder begannen die Seiten, sich allein umzuschlagen. Erschrocken von der Magie schloß sie das Buch mit der Schwertspitze. Dann stieß sie mit aller Kraft den Dolch, den sie in der anderen Hand hielt, in die Mitte des Buches. Die Klinge drang mühelos durch den Umschlag und versank bis zum Heft darin. Als sie die Waffe zurückzog, war die Klinge vor dem Heft verschwunden. Nur ein halber Zentimeter, etwa die Dicke des Umschlages, war von dem Stahl noch vorhanden.
Liyannah warf den Rest der Waffe von sich und flüchtete aus dem Tempel. Taktischer Rückzug würde sie so etwas nennen.
Auf einmal zog sich ein höllischer Schmerz durch meine Schulter. Aus dem einen Schmerz wurden langsam zwei, die eine handbreit auseinander wanderten. Anscheinend hatte der Wurm sich geteilt. Einige Momente konnte ich mich kaum bewegen. Der Schmerz ließ dann nach, aber ich konnte immer noch merken, wo diese Brut saß. Arkardo ging es nicht anders.
Es war nun gut eine Stunde her, dass die Würmer uns überfallen hatten. Wenn sie sich jede Stunde teilten, waren wir bald voller Würmer! Wir mussten dringend etwas tun.
Griek versuchte, das Wesen der Würmer zu erkennen und machte ein paar Zauber. Er erkannte, dass es Kreaturen aus einer anderen Ebene waren. Dämonenwürmer. Also legte er einen Dämonenbann darauf, in der Hoffnung, sie in ihre Ebene zurück jagen zu können. Aber leider konnte er sie ja nicht sehen. Trotzdem hatte der Zauber eine Wirkung. Der Schmerz, den sie verursachten, ließ nach. Und sie bewegten sich nicht mehr. Und, wie wir später feststellten, für eine Stunde. In dieser Zeit konnten sie sich auch nicht vermehren. Wir hatten also etwas Zeit gewonnen.
Vielleicht konnten wir in der Stadt auf der anderen Seite der Schlucht Informationen über diese Würmer erhalten?
Griek versuchte zuerst auf magischem Weg, nur mit seinem Geist, wie er sich ausdrückte, in die Stadt zu kommen. Er setzte sich auf den Boden und schloß die Augen. Ich nenne sowas pennen. Jedenfalls erhielt er auf einmal einen Schlag und kippte rückwärts um. Er war sofort wieder wach. Ich fragte, ob es ein plötzlicher Alptraum war, aber er erzählte etwas von einer magischen Barriere, die über der Stadt lag und sie vor magischen Eindringlingen schützte.
Also blieb uns nichts anderes übrig, als um die Schlucht herum zu laufen und die Stadt auf normalem Weg zu besuchen.
Am Ende der Schlucht ragte der Berg hoch über das Plateau, und in der Felswand entdeckten wir einen Höhleneingang. Neugierig wie die anderen halt sind, wollten sie nun erst diese Höhle erkunden.
Es war eine riesige Höhle, über zehn Meter hoch, und ein Ende war im Fackellicht nicht zu erkennen. Wir drangen vorsichtig tiefer ein und stießen auf einen Schrein. Abgebrannte Kerzen und kostbare Gegenstände zierten ihn. Auch auf dem Boden lagen Gold und Edelsteine. Aber alles war von Staub und Spinnweben bedeckt. Es schien ein Opferaltar zu sein, der aber schon lange nicht mehr benutzt wurde.
Ein Ende der Höhle war immer noch nicht zu erkennen, und wir beschlossen, auf dem Rückweg hier noch mal vorbeizuschauen. Arkardo konnte es allerdings nicht lassen und steckte sich eine Handvoll Edelsteine ein. Ich hätte ihm fast eins auf die Finger gegeben. Wir wollen in eine Stadt und dort vielleicht um Hilfe bitten, und der klaut Kostbarkeiten von einem Opferaltar, der denen vielleicht gehört. Aber ich konnte ihn in meiner überzeugenden Art dazu bringen, die Gegenstände wieder hinzulegen.


Die Stadt des kleinen Volkes

Wir gingen also weiter zur Stadt. Am späten Nachmittag erreichten wir das Tor. Es waren keine Wachen zu sehen, und auch von den Bewohnern war nichts zu entdecken. Wir klopften am Tor, aber nichts regte sich.
Dann sahen wir, dass das Tor etwas offen stand. Man konnte einen Blick durch den Spalt werfen, aber nichts erkennen.
Wir versuchten, die Tür zu öffnen, aber sie bewegte sich keinen Zentimeter. Etwas ratlos standen wir eine Zeitlang vor dem Tor. Dann bewegten sich die Würmer wieder. Die Wirkung der Magie war vorbei. In einer Stunde würden sie sich wieder teilen. Giek hatte seine magischen Kräfte noch nicht voll wieder und konnte uns im Moment nicht helfen.
Nun wollte ich nicht mehr warten. Ich holte ein Seil und warf es um eine der Wehrzinnen auf der fast fünf Meter hohen Stadtmauer. Geschickt kletterte ich hoch und zog mich auf den Wehrgang. Als ich dort auftrat, gab es ein häßliches Geräusch. Knochen krachten. Aber es waren nicht meine. Ich war auf ein Skelett getreten, das direkt hinter den Wehrzinnen auf dem Boden lag. Ich untersuchte es oberflächlich. Es schien sich um die Überreste eines menschenähnlichen Wesens zu handeln. Allerdings war es nicht größer gewesen als ein Halbling. Nur sehr viel schmaler gebaut. Man hätte denken können, es war ein Kind, doch das Skelett steckte noch in einer Rüstung, und die war für seine Größe angefertigt.
Ich warf die Schlinge meines Seils über eine andere Wehrzinne, damit meine Gefährten nicht auch noch auf die Knochen traten. Sie legten ihre Ausrüstung ab und kletterten zu mir auf die Wehrmauer. Zum Schluß band Griek die Ausrüstung ans Seil, damit wir sie hochziehen konnten.
Sie erschien uns recht schwer. Erst als wir mit der Ausrüstung auch Griek auf den Wehrgang zogen, wußten wir, warum.
Der ließ sich von unseren Protesten aber nicht sonderlich beeindrucken und versuchte einen Zauber. Er wollte Magie erkennen, erkannte aber nichts. Angeblich verhinderte dieser seltsame Magieschutz auch diesmal seinen Zauber. Aber um Ausreden war er ja noch nie verlegen.
Wir untersuchten nun die Skelette, von denen mehrere hier auf dem Wehrgang lagen. Sie hatten alle eine normale Größe, knapp eineinhalb Meter, und steckten in alten Rüstungen. Es schien ein hochwertiges Metall zu sein, denn es war nicht verrostet. Die Waffen steckten noch in den Halterungen. Es hatte also kein Kampf stattgefunden. Auch waren keine offensichtlichen Verletzungen zu erkennen. Die Knochen der Wesen waren noch heil. Bis auf eins.
Wir stiegen den Wehrgang hinunter und gingen in die Stadt. Auch hier fanden wir die Überreste der Bewohner. Nirgends gab es noch Lebende. Nur Tiere, Kaninchen und Vögel hatten den Weg in die Stadt gefunden.
Viele der Gebäude waren noch intakt. Wo die Schiefer gedeckten Dächer noch heil waren, hatte die Zeit den Bauten nichts anhaben können. Auch in den Häusern fanden wir Skelette. Und den Staub von Jahrhunderten. Von manchen Gebäuden waren allerdings nur noch Ruinen übrig.
Wir gingen weiter zu Mitte der Stadt. Unterwegs fanden wir die verwitterten Überreste von Holzkisten, in denen ebenfalls Skelette lagen. Es hatte den Anschein, als wären die Bewohner nicht mehr dazu gekommen, ihre Toten zu bestatten. Doch was hatte die Einwohner dieser Stadt so plötzlich hinweg gerafft? Ein unangenehmer Verdacht regte sich in uns. Sollten diese gemeinen Würmer auch die Ursache für den Tod dieser Wesen sein?
Schließlich kamen wir zum zentralen Platz dieser überraschend großen Stadt. Dort fanden wir ein großes, gut erhaltenes Gebäude. Es war mit Kunstwerken verziert und besaß Treppen und Säulen aus Marmor. Das runde Kuppeldach hatte die Zeit problemlos überstanden. Eine breite Treppe führte zu einem großen Tor. Es war nicht verschlossen, und wir konnten es problemlos öffnen. Wir kamen in eine große, runde Eingangshalle. Rings herum gab es viele Türen zu angrenzenden Räumen. Eine breite Marmortreppe führte in das nächste Stockwerk. Dort fanden wir zwei große Hallen.
In dem linken Saal standen ein Dutzend Stehpulte im Raum verteilt. Bücher lagen darauf, teils aufgeschlagen, teils geschlossen. Große Fenster mit hellem Glas an den Seiten und im Dach sorgten für taghelles Licht. An den Wänden standen Regale mit unzähligen Büchern. Schreibwerkzeug, Federn und vertrocknete Tinte waren auf den Schreibpulten zurückgelassen worden. Auch hier fanden wir zwei Skelette. Ihre Kleidung war stark ausgebleicht und nur noch als mürbe Fetzen vorhanden. Nur die Sandalen und der Gürtel hatten die Zeit gut überdauert. Einer der Toten hielt noch einen Federkiel in den knochigen Händen.
Es handelte sich hier offensichtlich um eine Schreibstube. Die Schrift, die hier benutzt wurde, war uns leider unbekannt.
Im rechten Saal standen zwei Schreibpulte. Diese waren aber kunstvoll verziert. An den Wänden standen einige Bücherschränke, die aber mit Holzgittern verschlossen waren. An den Wänden gab es zahlreiche Wandteppiche und wie auch an der Decke viele Gemälde. Sie schienen Geschichten des Volkes zu erzählen. Auf den Schreibpulten fanden wir jeweils ein großes Buch. Eins davon sah genau so aus, wie das magische Buch in dem kleinen Tempel, aus dem die Würmer kamen. Auch dieses hatte einen schwarzen Ledereinband, der mit Runen aus Blattgold verziert war. Nach Aussage von Griek waren es aber nicht die gleichen Runen. Vorsichtshalber hielt ich etwas Abstand.
Das andere Buch hatte einen brauen Ledereinband und war ebenfalls geschlossen. Auf der Vorderseite waren aus Blattgold uns unbekannte Buchstaben zu erkennen. Jedenfalls sah es nicht nach Magie aus. Eine eingetrocknete Schreibfeder lag daneben auf dem Podest, und ein zerbrochenes Tintenfässchen lag auf dem Boden. Die getrocknete Tinte bildete einen großen Fleck. Ich schob das Skelett, das vor dem Podest lag, etwas beiseite, und öffnete das Buch. Auch darin war mit einer Schrift geschrieben worden, die wir nicht lesen konnten. Die Seiten waren unvollständig beschrieben, als hätte jemand kurze Einträge darin gemacht. Rechts oben war immer eine Zeichenfolge erkennbar, die sich auf jeder Seite etwas änderte. Eventuell ein Datum.
Ich blätterte noch etwas weiter, bis schließlich nur noch leere Seiten kamen. Dann entdeckte ich, dass die letzen Einträge in einer anderen Sprache geschrieben wurden. Ich holte Griek, der sich immer noch mit den Büchern in den Wandschränken beschäftigte. Er bestätigte meine Beobachtung. Es waren Zeichen vom Pfad des Lebens, und die konnte Griek lesen. Er übersetzte uns den Text folgendermaßen:

Das Tagebuch

Zwölftes Licht im dritten Mond, im dreizehnten Jahr des Drachen.
Wir finden keine Lösung. So, wie es nun aussieht, wird unser Volk diesen hinterhältigen Angriff der Dunkelelfen nicht überleben. Da mit uns auch unsere Sprache ausstirbt, verfassen wir die nachfolgenden Texte in einer Sprache, die auch in anderen Teilen der Welt verwendet wird. Zum Verständnis des ganzen Dramas, das sich hier ereignet, muss ich weiter zurückgreifen in der Geschichte unseres Volkes. Aber noch habe ich die Kraft zum Schreiben, und ich will diesen Text als Warnung für andere Völker hinterlassen.

Meidet den Tempel der Winde auf der anderen Seite der Schlucht. Das dort ausliegende Buch ist eine Falle, die mit dunkler Magie versehen ist. Eine Falle der Dunkelelfen. Es könnte den Untergang unseres Volkes herbeiführen.

Vor vielen Jahrtausenden zog sich unser Volk aus der Welt zurück, hier auf das abgeschiedene Bergplateau, das nur durch die dunkle Schlucht und durch das Labyrinth im Berg zu erreichen ist. Lange lebten wir sicher in unserer Abgeschiedenheit. Aber auch uns ist die Neugierde zu eigen, und junge Leute drangen tief in den Berg, um ihn zu erforschen. Dabei stießen sie auf die Zwerge, die tief in der Erde Erze und Schätze abbauen. Das rauhe, aber freundliche Volk war uns wohlgesonnen. Aus diesem Zusammentreffen ergab sich ein Handelskontakt, der für beide Völker zum Vorteil war. Wir konnten Nahrungsmittel und andere Dinge liefern, die Zwerge uns metallische Kunstwerke, hochwertige Ausrüstung und Waffen.
Dann erschienen die Dunkelelfen, ein böses Volk aus den untersten Tiefen der Erde. Sie griffen die Zwerge an und drängten sie fast aus ihrer Heimat. Durch unser Handelsbündnis mit den Zwergen sahen uns die Dunkelelfen ebenfalls als Gegner an. Sie fielen in der Nacht über uns her, und nur mit Hilfe unseres Gottes gelang es uns, sie zu vertreiben. Noch ein weiteres Mal gab es einen Überfall, aber der endete für die Dunkelelfen mit einer Katastrophe. Unser Gott vernichtete fast alle. Zudem legte er einen magischen Schutz auf unsere Stadt, der es den hinterhältigen Angreifern unmöglich machte, uns auf magische Weise Schaden zuzufügen. Danach hatten wir einige Jahre Ruhe. Auch die Angriffe auf die Zwerge hörten auf.
Dann erschien ein Botschafter der Dunkelelfen, der uns aufsuchte. Er bot uns Frieden an, sprach von Mißverständnissen und machte uns ein kostbares Geschenk.
Ein magisches Buch, mit dem wir Reisen unternehmen konnten. Ein zweites Buch dieser Art wurde den Zwergen geschenkt. Wenn man in diesem Buch blättert, öffnet es ein Portal und transportiert davorstehende Personen mit Gepäck zum Standort des anderen Buches. So wurden die Reisen zu den Zwergen auf unvergleichliche Art erleichtert. Was sonst Tage des Marsches durch dunkle Gänge erforderte, war nun in Sekunden geschehen. Verständlicherweise waren wir dankbar für dieses Geschenk. Auch die Zwerge waren von der Großzügigkeit der dunklen Elfen überrascht. Aber sie legten nie ihr grundlegendes Mißtrauen gegen diese Wesen ab.
Sie nutzten diese Reisemöglichkeit nur äußerst selten, während wir davon gern Gebrauch machten. Mehrere Jahre wurde der Handel so erleichtert. Die Dunkelelfen ließen uns und die Zwerge in Ruhe. Wir vergaßen die Greultaten, die sie an unserem Volk begangen hatten und waren ihnen sogar dankbar für das Geschenk.
Dann suchten sie uns wieder auf. Der gleiche Botschafter wollte uns ein weiteres Buch schenken. Es sei ein noch mächtigeres Buch, sagte er, und es müsse in einem Tempel aus Stein liegen.
Also bauten wir den Tempel der Winde. Und eines Tages fanden wir das neue Buch auf dem Schrein dieses Tempels. Obwohl der Botschafter unerwartet verschwunden war, hegten wir keinen Argwohn, als wir das Buch öffneten. Damit nahm die Katastrophe seinen Lauf.
Dämonische Würmer befielen uns aus dem Buch heraus und breiten sich in unseren Körpern aus. Sie fügen ihrem Opfer fürchterliche Qualen zu, wenn sie sich durch das Fleisch bewegen. Zudem scheinen sie sich zu vermehren.
Anfangs sahen wir die Größe der Gefahr nicht, doch nun, nur drei Tage später, als schon Hunderte unserer Bürger erkrankt sind, erkennen wir die Niedertracht der Dunkelelfen.

Dreizehntes Licht im dritten Mond, im dreizehnten Jahr des Drachen.
Sie breiten sich in der Nacht aus. Wie wir festgestellt haben, vermehren sich die dämonischen Würmer fast stündlich, indem sie sich teilen. Und Nachts, wenn kein Licht in der Nähe ist, verlassen sie zum Teil den befallenen Körper und suchen sich ein neues Opfer in der Nähe. Dabei legen sie Entfernungen von mehreren Metern zurück, die sie springend überwinden. Die Kreaturen dringen durch Nase, Mund oder Ohren in die Körper der Schlafenden ein.
Unserer Magier und Alchemisten sind ununterbrochen auf der Suche nach einer Möglichkeit, diese Geißeln zu vernichten, aber bisher ist dies nur Nachts möglich, wenn die Würmer neue Opfer suchen.
Wir haben versucht, einen Wurm aus dem Fleisch herauszuschneiden, aber er hielt sich mit Tentakeln derart fest, dass beim Herausziehen eine große Wunde entstand.
Wir wissen nicht mehr weiter. Die Erkrankten wurden in abgelegen Häuser gebracht, damit sie nicht weitere von uns anstecken.

Auf diese Weise greifen uns die Dunkelelfen wieder an. Und gegen diesen Angriff kann auch unser Gott uns nicht helfen. Diese bösen Wesen hatten es nicht einmal nötig, in unsere Stadt zu kommen, die durch den magischen Schirm geschützt ist. Wir selber haben das Verderben in unsere Häuser gebracht.

Vierzehntes Licht im dritten Mond, im dreizehnten Jahr des Drachen.
Wir wissen nicht wie, aber es wurden weitere Bürger von den Würmern befallen. Scheinbar ist ihre Reichweite größer, als wir dachten. Und noch immer ist kein Gegenmittel gefunden.
Die ersten von uns sind tot.

Fünfzehntes Licht im dritten Mond, im dreizehnten Jahr des Drachen.
Unser Erzmagier ist erkrankt. Wie die Kreaturen zu ihm gelangten, wissen wir nicht. Er hatte in der Nacht keinen Kontakt zu den Befallenen. Ebenso ist der Alchemist erkrankt. Er hatte seine tote Frau während der Nacht in seiner Wohnung. Auch aus unseren Toten entweichen die dämonischen Würmer in der Nacht. Uns bleibt keine andere Wahl, als die Toten sofort nach Eintritt des Todes in einer Feuerbestattung auf ihren letzten Weg zu schicken.

Sechzehntes Licht im dritten Mond, im dreizehnten Jahr des Drachen.
Der Erzmagier ist tot. Eines seiner magischen Experimente ist fehlgeschlagen. Er versuchte, die Würmer in seinem Körper auf magische Weise zu vernichten. Aber die Würmer wehrten sich, und rissen große Verletzungen in ihrem Todeskampf. Diese Verletzungen brachten ihn um.
Immer mehr Tote sind zu beklagen. Es gibt kaum eine Familie, die noch keine Opfer zu beklagen hat.
Zwei weitere Magier wurden in der Nacht befallen. Die ersten Menschen fliehen heimlich aus der Stadt.
Der Rat hat eine Flucht untersagt, da dadurch möglicherweise das Unheil in die
Außenwelt getragen wird.

Siebzehntes Licht im dritten Mond, im dreizehnten Jahr des Drachen.
Die Ausbreitung des Unheils läßt sich nicht aufhalten. Zwei Magier sind durch die Würmer gestorben, die drei anderen bereits schwer befallen. Auch sie werden den Tag nicht überleben. Mehrere Dutzend dieser höllischen Wesen befinden sich in ihrem Inneren. Es ist nur noch eine Frage von Stunden.
Wir haben herausgefunden, dass das Sonnenlicht von den Würmern gemieden wird. Die Kranken gehen also tagsüber ins Sonnenlicht. Aber das ist nur ein Aufschub.
Der Alchemist lebt immer noch, obwohl er schon seit zwei Tagen befallen ist. Er nimmt die Tränke, mit denen er den Kreaturen Einhalt gebieten will, selbst zu sich. Dadurch konnte er sie zwar nicht vernichten, aber scheinbar verlangsamt sich das Wachstum der Würmer in seinem Körper. Leider kann er nicht sagen, welcher seiner vielen Tränke diese Wirkung erzielte. Bei anderen Kranken schlägt seine Behandlung nicht an.

Achtzehntes Licht im dritten Mond, im dreizehnten Jahr des Drachen.
Der Alchemist ist unsere letzte Hoffnung. Er ist scheinbar der einzige Befallene, in dem die Würmer sich nur langsam ausbreiten. Irgend ein Trank muss diesen kleinen Dämonen nicht schmecken. Wenn wir doch nur wüssten, welcher.
Es gibt kaum noch Bürger, die nicht befallen sind.

Neunzehntes Licht im dritten Mond, im dreizehnten Jahr des Drachen.
Die Gesunden sind nicht mehr in der Lage, die Gestorbenen zu bestatten. Sie ziehen sich hierher in den Ratstempel zurück. Eine Gruppe von zwanzig Bürgern flieht aus der Stadt.
Der Alchemist lebt immer noch. Aber ein Mittel zur Vernichtung der Würmer hat er noch nicht gefunden. Langsam vermehren sich die Würmer auch in ihm.

Zwanzigstes Licht im dritten Mond, im dreizehnten Jahr des Drachen.
Einer der gestern Geflohenen ist zurückgekommen. Er ist befallen. Unter den Geflohenen war jemand, der ebenfalls von den Dämonen befallen war, und es den anderen verheimlicht hat. In der Nacht haben sich die Würmer ausgebreitet.
Der Alchemist lebt immer noch.

Einundzwanzigstes Licht im dritten Mond, im dreizehnten Jahr des Drachen.
Auch ich bin befallen. Wie die Kreaturen in den Ratstempel gelangt sind, ist uns nicht bekannt. Nun ist keiner von uns mehr frei von Würmern. Das ist der Untergang unseres Volkes.
Ich werde hier weiter in das Buch der Geschichte schreiben, solange ich kann. Aber wir sehen keinen Ausweg mehr.
Die Magier sind alle tot. Nur der Alchemist lebt noch.

Zweiundzwanzigstes Licht im dritten Mond, im dreizehnten Jahr des Drachen.
Es geht zuende. Die Qualen sind unerträglich. Ich spüre zweiunddreissig Kreaturen in mir, und jede fühlt sich an wie ein Tropfen glühendes Metall in meinem Fleisch. Ich werde den Tag nicht überleben.
Der Alchemist hat seine Experimente eingestellt. Auch er wird die nächsten Tage nicht überstehen.

Dies ist der letzte Eintrag. Unser Volk geht in die Vergessenheit.
Meidet den Tempel der Winde.


Hier endeten die Einträge.
Irgendwie hatte ich ein ungutes Gefühl wegen der Würmer in meinem Fleisch.

Dann schaute ich mir das andere Buch genauer an.
Äusserlich konnte ich es nicht von dem anderen Buch im Tempel der Winde unterscheiden. Mutig schlug ich die erste Seite auf. Dort standen wieder Runen. Auf der dritten Seite erkannte ich wieder nur Striche und Punkte. Als ich weitere Seiten aufschlug, begann das Buch wieder, allein die Blätter umzuschlagen. Sofort klappte ich das Buch zu. So neugierig bin ich ja auch nicht.

Dann teilten sich die Würmer wieder. Es war ein höllischer Schmerz, und es dauerte einige Minuten, bis ich mich wieder bewegen konnte. Nun hatte ich vier Würmer in mir. Und Arkardo erging es auch nicht besser.

Wir beschlossen, nach dem Labor des Alchemisten zu suchen. Es dauerte auch nicht lange, da hatte ich es gefunden. Das Gebäude war gut erhalten. Auch die Knochen des Besitzers hatten die Zeit überdauert. Mehr war von ihm allerdings nicht vorhanden. Er saß zurückgelehnt auf dem Bett, noch einen Krug in den Fingerknochen. Scheinbar hatte er noch im letzten Moment einen Trank zu sich genommen. Aber geholfen hatte der wohl auch nicht.
Es lagen jede Menge großer Trinkkrüge um ihn herum auf dem Boden.
Auf den Tischen und den Regalen standen viele verschiedene Gefäße. Fast alle waren von unterschiedlicher Größe, Form und Farbe. Es gab welche aus Glas, Porzellan und Ton. Manche waren auch aus Metall.
Auffallend fand ich diese großen Trinkkrüge, wie sie auch in Tavernen verwendet werden, um Wein auszuschenken. Davon gab es jede Menge, während es die anderen Gefäße nur jeweils einmal gab.
Während Griek nach Büchern und Schriftrollen suchte und Liyannah sich für die Salben und Heilelixiere interessierte, suchte ich nach Trinkkrügen, die noch verschlossen waren. In einer kleinen Vorratskammer wurde ich fündig. Ich öffnete einen Krug und roch daran. Mein Verdacht bestätigte sich: es war ein Weinkrug! Der Alchemist hatte sich seine letzten Tage mit den Weinvorräten ausgiebig versüsst.
Da kam mir eine Idee! Was, wenn nicht die Wirkung eines der Tränke das Wachstum der Würmer verhinderte, sondern der Alkohol? Das würde auch erklären, weshalb die Tränke bei anderen Personen keine Wirkung gezeigt hatten.
Ich teilte den anderen meinen Verdacht mit. Sogar Griek musste die Logik meiner brillanten Schlussfolgerung anerkennen. Wir beschlossen also, uns zu betrinken. So konnten wir vielleicht die Nacht überstehen.
Da Mirnos einen magischen Bierkrug hatte, aus dem Zwerge endlos Bier trinken konnten, war Arkardo versorgt. Leider half mir das nicht weiter. Aber es gab noch einige Flaschen Wein, deren Inhalt nicht verdorben und durch die lange Zeit noch gereift war. Den führte ich mir zu.

Der Tag der Entscheidung

Geschehen am 21 Tag im Maeyi im Jahre 289 des strahlenden Sterns.

Als ich wieder erwachte, war es bereits später Morgen. Auch Arkardo war wieder wach und grinste mich breit an, den Bierkrug in der Hand. An diesem Morgen waren es nicht die Würmer, die mich quälten.
Jedenfalls hatte ich die Nacht überlebt und die Quälgeister hatten sich nicht weiter vermehrt. Ich fühlte immer noch vier Stellen in meinem Körper, die leicht schmerzten.
Nach dem Frühstück ging auch der Kopfschmerz etwas zurück. Allerdings regten sich die Würmer wieder. Und es dauerte dann auch nicht lange, da teilten sie sich erneut. Der Schmerz war unerträglich und brachte mich an den Rand der Bewußtlosigkeit. Nun waren es acht glühende Stellen, die mir zusetzten.
Ich wollte sofort wieder zu den Weinkrügen greifen, musste aber entsetzt feststellen, dass alle Krüge leer waren. Liyannah war der Meinung, ich hätte am Vorabend alle Krüge des wohlschmeckenden Weines allein geleert. Aber ich bin sicher, sie hat auch mitgeholfen. Woher hätte sie sonst wissen können, wie gut er schmeckt. Leider konnte ich mich daran nicht mehr recht erinnern.
Woher konnten wir nun neuen Wein bekommen?
Dann fiel Liyannah die Vorratskammer im Berg ein. Dort waren mehrere Fässer und Krüge gewesen, die auch Alkohol enthalten konnten. Aber letztlich war auch das keine Lösung. Nichts gegen ein Glas Wein ab und zu, aber der Kopfschmerz war auch nicht ohne, und immer nur vom Schnaps betäubt wollte ich auch nicht durch die Welt gehen. Also überlegten wir weiter. Wir hatten eine Stunde Zeit bis zur nächsten Teilung. Hatten wir gedacht. Diesmal dauerte es nur eine knappe Stunde, und die Schmerzen waren noch heftiger. Sechzehn dämonische Würmer quälten mich nun. Ich würde den Tag vielleicht nicht überleben.

Wir überlegten weiter: Die Würmer mieden das Sonnenlicht und wanderten in dunkle Teile des Körpers. Aber sie kamen tagsüber nicht heraus. Herausschneiden konnten wir sie nicht, da sie sich sehr widerspenstig zeigten.
Aber Alkohol betäubte sie! Da hatten ich die Idee.

Wie entledigten uns unserer Kleidung und stellten uns ins Sonnenlicht. Sofort bewegte sich das teuflische Gewürm. Es kroch zu der Sonnen abgewandten Seite des Körpers, zum Rücken. Die Schmerzen waren so "umwerfend", dass wir beide das Bewußtsein verloren. Unsere Gefährten drehten uns auf den Rücken und warteten, bis wir wieder erwachten.
Da ich recht zäh bin, erwachte ich als erster. Die Schmerzen waren immer noch entsetzlich, ließen aber langsam nach. Dann wirkte Griek einen Zauber, der die Dämonen bannte. Und während Arkardo sich mit Mirnos magischem Krug wieder betrank, schnitt Mirnos mir die Würmer, die sich an der Oberfläche meines Rückens vor der Sonne verkrochen hatten, aus dem Fleisch. Jeder Schnitt tat weh, aber es war zu ertragen. Leider konnten drei der Würmer dem magischen Bann widerstehen und wehrten sich. Mirnos riß das hinterhältige Getier mit Gewalt heraus, und brachte mich damit fast um. Glücklicherweise hatte Griek noch genug Kraft, um die Wunden magisch zu heilen.
Arkardo hatte mehr Glück mit dem Alkohol. Dagegen war anscheinend keiner der Würmer gefeit. Alle ließen sich widerstandslos entfernen und zerquetschen. Dann hatten wir es geschafft. Wir waren befreit.
Danach brauchten wir allerdings etwas Ruhe. Während wir unsere Wunden pflegten, beschäftigte sich Griek mit den Hinterlassenschaften des ausgestorbenen Volkes. Besonders das magische Buch hatte es ihm angetan. Am Abende erklärte er uns dann seinen Plan. Er wollte das Buch benutzen, um zu den Zwergen zu gelangen. Wir erklärten ihn alle für verrückt und leichtsinnig, sich der Magie der Dunkelelfen auszusetzen, aber er war fest entschlossen.
Nur der immer noch besoffene Arkardo unterstützte dieses Vorhaben. Denn er wusste von einem solchen Buch, das in einer abgelegenen Höhle des Berges lag. Die Geschichten, die die älteren Zwerge davon erzählten, stimmten mit den Berichten aus dem Tagebuch überein, das ich hier in der Stadt gefunden hatte. Das gab den Ausschlag. Und nach einem kleinen Appell an Liyannahs Mut erklärte auch sie sich bereit, uns trotz ihrer Angst vor Magie durch das Buch zu begleiten.

Besuch in der Zwergenstadt

Es war schon eine aufregende Sache. Am nächsten Morgen stellten wir uns alle vor dem Podest mit dem Buch auf, - Arkardo war mittlerweile fast wieder nüchtern, und Griek blätterte die ersten Seiten auf. Dann schlugen sich die Blätter wieder von allein weiter. Es erschien ein sehr schön gezeichnetes Tor auf den Seiten des Buches, und es wurde immer größer, je mehr Seiten umgeschlagen wurden, als ob es uns näher kommen würde. Dann war es so groß wie eine Buchseite. Es war ein zweiflügeliges Tor, scheinbar aus Holz, mit seltsamen Schnitzereien an den Pfosten. In einem großen, metallenen Schloß steckte ein Schlüssel. Ich weiß zwar nicht, mit welchem Zauber man Bilder in ein Buch bannen kann, die sich bewegen, aber der Schlüssel drehte sich plötzlich. Die Tür öffnete sich langsam und die Torflügel schwangen zur Seite auf. Hinter dem Tor war es dunkel, es war nichts zu erkennen. Bis dann auf einmal eine Art Wirbel daraus hervorkam. Und dieser Wirbel kam wie eine Windhose aus dem Buch heraus und umschloss uns mit einem heftigen Tosen. Dann war es Dunkel.
Mir wurde leicht schwindelig, aber sonst merkte ich nichts. Ich konnte immer noch nichts sehen und dachte schon, ich wäre tot, da sagte Mirnos:
"Wir sind da!"
Dann zündete er ein Feuer an, und sofort konnte ich auch wieder sehen.
Wir standen in einer Höhle, und vor uns lag ein Buch auf einem Pult. Es war noch geöffnet und blätterte gerade die letzten Seiten um.
Die Höhle schien nicht oft besucht zu sein, denn auf allem lag eine dicke Schicht Staub. Aber Arkardo kannte den Raum und wusste, wo wir waren. Er führte uns durch etliche Gänge und Höhlen, und schließlich kamen wir an einen belebten Platz. Zuerst wurden die Waffen gezogen, doch dann erkannten sie mich und Mirnos und freuten sich über unseren Besuch.
In dem anschließenden Fest hätten wir die magischen Würmer sicher vernichten können. Genügend "Medikamente" waren jedenfalls vorhanden.
Ich berichtete von unseren Erlebnissen, und die Zwerge bestätigten die Geschichte. Einige der älteren Zwerge kannten die Ereignisse noch aus ihrer Jugend. Damals war der Kontakt zu dem kleinen Volk plötzlich abgebrochen. Gleichzeitig griffen die Dunkelelfen die Zwergenstadt wieder an und konnten nur unter Aufbietung aller Kräfte zurückgeschlagen werden. Danach war lange Zeit Ruhe, aber da das kleine Volk sich nicht mehr gemeldet hatte, war man von dessen Vernichtung ausgegangen. Das magische Buch wollten die Zwerge nach dem Überfall der Drow nicht mehr benutzen. Sie hatten das auch vorher schon recht ungern und nur sehr selten getan. Der normale Weg nach oben war durch Geröll verschüttet und wurde auch bald vergessen. Es gab ja noch einen anderen Ausgang, der leichter zu erreichen war. Diesen hatten die Dunkelelfen nun allerdings zerstört. Und aus irgendwelchen Gründen wollte es nicht gelingen, den Weg wieder frei zu machen. Man entschloß sich dann, einen neuen Weg zu graben. Das konnte aber noch Jahre dauern, da man hier sehr tief in der Erde war.
Die Zwerge waren erfreut darüber, dass die magischen Bücher noch ihren Zauber hatten und waren bereit, sie zu nutzen. Allerdings war die Tatsache, dass dort oben an der Oberfläche wieder Dunkelelfen aufgetaucht waren, sehr beunruhigend. Wenn sie nun das zweite Buch an sich nehmen würden, käme man bei einem Transport bei denen heraus. Das musste verhindert werden.
Wir beschlossen also, das Buch an uns zu nehmen und in eine andere Zwergenstadt zu bringen. Blieb nur die Frage, ob die Dunkelelfen sich das tatenlos anschauen würden.
Die Zwerge hatten da eine Idee. Das kleine Volk hatte einen mächtigen Gott, der sie vor den Dunkelelfen beschützten, und der die Angreifer schon mehrmals in die Flucht geschlagen hatte. Wenn wir den finden könnten, hätten wir einen mächtigen Verbündeten.
Wir erklärten uns bereit, den Versuch zu wagen. Arkardo wollte uns dabei weiter begleiten. Einige Tage verbrachten wir noch bei den gastfreundlichen Zwergen, dann brachen wir auf.
Die Reise war nun genauso riskant wie vorher. Auch diesmal wussten wir nicht, wo wir herauskommen würden. Wenn die Drow das Buch gefunden hatten, konnten wir ganz schön in Schwierigkeiten geraten. Aber ich war guter Hoffnung. Sollten sie nur kommen, diese hinterhältigen Hunde.

Aber das Buch lag noch dort, wo wir es zurück gelassen hatten.
Die anderen schlossen sich meiner Meinung an, dass der Gott des kleinen Volkes wahrscheinlich in der großen Höhle zu finden sei, in dem wir den Schrein mit den vielen Schätzen entdeckt hatten. Wir verließen also die tote Stadt und gingen zurück zu der Höhle. Dabei stießen wir auf einen kleinen Trupp der Tiefengnome, der aber für mich kein Hindernis darstellte.
Die Höhle hatten sie glücklicherweise nicht entdeckt. Alle Schätze waren noch vorhanden. Ich schaute noch mal böse zu Arkardo, und so ließ auch der seine Finger davon.
Wir kletterten also weiter in die Höhle. Schließlich wurde es so dunkel, dass meine Gefährten nichts mehr sehen konnten. Also holte ich eine Fackel. Aber kaum hatte ich sie entzündet, fuhr ein kräftiger Windstoß aus einer Felsspalte und löschte das Feuer wieder. Ich untersuchte den stark ansteigenden Felsboden, konnte aber keinen Luftzug entdecken. Ein weiteres Mal steckte ich die Fackel an. Aber auch dieses Mal entstand plötzlich ein Luftzug und blies die Flamme aus.
Ich wollte gerade anfangen zu schimpfen, da entstand zwei Meter neben mir plötzlich ein Leuchten. Ein Auge, so groß wie ein Trollkopf, leuchtete im Dunkeln. Und dann ertönte diese grollende Stimme, die mich schon etwas beunruhigte.
"Mach das Licht aus. Ich schlafe noch!"
Der Ton kam aus einer Öffnung in dem Felsen, direkt neben mir. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte ich, dass ich nicht neben einem Felsbrocken stand, sondern neben dem Kopf eines Drachen. Und es waren seine Nüstern, die meine Fackel ausgeblasen hatten!
Ganz leise gingen wir einige Schritte zurück. Dann öffnete sich ein zweites Auge.
"Jetzt kann ich nicht mehr schlafen", beschwerte sich die Stimme. "Aber nun habe ich Hunger."
"Das ist gut", rief ich sofort. "Da draußen sind Tiefengnome und Dunkelelfen."
Scheinbar hatte ich seinen Geschmack getroffen, denn sofort hob er den Kopf. Der Drache war schon eine imposante Erscheinung. In seinem Rachen hätte ein Ochse Platz gehabt, wie ich nach einem Gähnen dieses riesigen Geschöpfes erkennen konnte.
"Ach, die sind so zäh", bekam ich zur Antwort. "Ich glaub, Halblinge sind da viel zarter."
Irgendwie fühle ich mich angesprochen.
"Das ist nur ein Gerücht", behauptete ich. "Halblinge sind überhaupt nicht bekömmlich."
Der Blick des Drachen wanderte von mir zu Liyannah, und dann zu den anderen. Wir waren wie gebannt und konnten uns nicht bewegen. Nicht mal meine Zunge wollte mir mehr gehorchen, und das ist echt schon selten.
Nachdem er uns ausgiebig gemustert hatte, entließ er uns aus seinem Bann.
"Ihr gehört nicht zum kleinen Volk", erkannte er. "Wer seid ihr und was wollt ihr hier?"

Also erklärten wir ihm die ganze Geschichte. Ein beunruhigendes Grollen fuhr durch den mächtigen Körper, als wir von der Hinterlist der Dunkelelfen berichteten. Und sein Blick wurde richtig traurig, als er erfuhr, dass das kleine Volk tatsächlich ausgelöscht war. Wir erklärten ihm, dass wir über die magischen Bücher Kontakt zu den Zwergen gefunden hatten. Und dass wir nun auf dem Weg zum Tempel der Ebene waren, um das Buch in eine andere Zwergenstadt zu bringen.
Daraufhin erklärte der Drache, dass wir hier völlig falsch seien. Der Tempel der Ebene läge auf der anderen Seite der Ebene, hinter der Stadt.
Ich bedankte mich für die Auskunft und verabschiedete mich freundlich von dem urtümlichen Geschöpf. Vorsichtig zogen wir uns zurück. Obwohl es in der Höhle eher kalt war, stand auf den Gesichtern meiner Gefährten der Schweiß.

Da es mittlerweile Abend wurde, suchten wir uns in der Nähe eine andere Höhle, die wir als Unterschlupf für die Nacht nutzten. Sie führte knapp zwanzig Meter in den Berg und endete dann in einem größeren Raum, der allen Platz bot. Dort wollten wir bis zum Morgengrauen bleiben um dann zum Tempel der Ebene zu gehen.
Leider wurde es nicht Morgen.
Wir wechselten uns mehrmals mit der Wache ab, und nach unserem Zeitgefühl zu urteilen, hätte es längst hell werden müssen. Wurde es aber nicht. Schließlich war es uns zu dumm und Liyannah schaute nach, ob jemand eine Decke vor den Eingang gehängt hatte. Aber es war schlimmer.
Draußen schien die ganze Welt in einen Schleier aus schwarzem Dunst gehüllt zu sein. Ich konnte gerade mal zehn Meter weit sehen. Die nachtblinden Menschen gerade mal fünf Meter. Mir kam sofort der Gedanke, dass die Dunkelelfen die Ebene mit ihrem Zauber belegt hatten. Und Griek bestätigte meinen Verdacht.
Mit gezogenen Waffen und nach allen Seiten Ausschau haltend suchten wir gemeinsam den Weg. Schließlich erreichten wir die Schlucht. Diese nutzten wir als Richtungsweiser und gingen weiter in die Richtung, in der wir die alte Stadt vermuteten. Leider ließ man uns nicht in Ruhe. Nach einiger Zeit gewahrte ich Gestalten um uns herum, die sich hektisch bewegten. Gleichzeitig hörten wir ein helles Winseln aus der in Schwarz getauchten Umgebung. Es dauerte auch nicht lange, da schossen die ersten Höllenhunde aus dem Dunkel auf uns zu. Nur meiner schnellen Reaktion hatte ich es zu verdanken, dass mich das Biest nicht beim ersten Angriff zerfetzte. Ich schlitzte dem Vieh mit einem gekonnten Hieb die Seite auf, so dass es nach wenigen Metern tot zusammenbrach. Auch die anderen konnten ihre ersten Angreifer abwehren. Doch es tauchten immer mehr Bestien auf, und früher oder später hätten sie sicher einen meiner Gefährten erwischt. Sie waren einfach zu spät zu erkennen, wenn sie uns aus der Dunkelheit heraus ansprangen.
Ich wollte gerade eine Fackel anzünden, da machte Griek ein helles, magisches Licht. Sofort erweiterte sich unser Sichtfeld um ein vielfaches und wir sahen noch ein Dutzend weiterer Bestien, die sich, vom plötzlichen, hellen Licht geblendet, von uns abwandten. Und hier und da konnte ich auch noch andere Gestalten erkennen, die schnell hinter einigen Felsen verschwanden.
"Schnell vorwärts", rief unsere sonst so furchtlose Amazone. Also rannten wir so schnell wie möglich weiter und ließen die Angreifer hinter uns. Nach einigen hundert Metern endete dann die schwarze Zone und wir standen im hellen Licht der Mittagssonne. Die Schwärze lag wie eine dunkle Wolke hinter uns. Leider trauten sich die Hunde nicht ins Licht, sonst hätte ich gern noch einige von ihnen aufgeschlitzt.

Wir machten uns dann auf den Weg zum Tempel. Die Stadtmauern umgingen wir, dann marschierten wir am Rand der Schlucht weiter. Nach einiger Zeit konnten wir ein Gebäude erkennen. Der Tempel der Höhe lag südlich der toten Stadt am Rande des Berges. Er war genau so aufgebaut wie der Tempel der Winde. Das äußere Tor war geschlossen. Die äußere Mauer war hier jedoch an einer Stelle eingefallen, so dass man dort in den Innenhof schauen konnte. Das Tor war nicht so einfach zu öffnen, da die Anker aus der Wand gerissen waren. Also stiegen wir durch die Öffnung in der Mauer in den Innenhof. Dort war aber außer einer kargen Grasslandschaft nichts zu sehen. Es gab keinen Tempel. Nicht einmal die Reste eines Gebäudes waren zu sehen. Meine Gefährten waren völlig verdattert. Wir suchten die äußere Mauer an der Innenseite und an der Außenseite ab, wir untersuchten den Boden innerhalb der Mauern, ob irgendwo Reste eines Gebäudes zu erkennen sind, wir suchen außerhalb der Mauer in der Umgebung nach Spuren des Tempels, aber wir fanden nichts.
Dann fiel mir wieder ein, was der Zwerg gesagt hatte, als er uns zu dem Tempel schickte:
"Sucht den Tempel der Höhe. Hinter seiner Tür findet ihr den Schrein der Ebene."
Ich ging also wieder zum Tor und versuchte, es zu öffnen. Aber da selbst meine Kraft nicht ausreichte, bat ich meine Gefährten, mir zu helfen. Sie schauten mich ob meines Wunsches zwar etwas verdutzt an, halfen mir aber trotzdem.
Und siehe da, hinter dem Tor fanden wir einen gepflegten, mit Blumen bewachsenen Innenhof, in dem der Schrein der Ebene stand. Im Schrein gab es eine steinerne Treppe, die uns hinunter bis zum Fuß des Berges führte. Einhundert Meter neben dem Eingang zur Höllenschlucht, knapp zehn Meter über dem Boden, befand sich eine schmale Felsspalte, die in die Ebene führte.
Danach brachten wir das Buch zu den Zwergen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ranis Merkuret
Held von Lemantis

Werter Leser.
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Wir wären dankbar, wenn Ihr hier ein paar Zeilen im Leser-Gästebuch hinterlassen würdet.

Die Autoren

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Download des Reiseberichtes "Der Tempel der Winde" mit Spielleiterinformationen
Dazugehörige Karten sind im Kartenraum erhältlich.